05-05-08 - #1
April 28, 2005Viel sinnvolles zum Tag der Befreiung findet sich — wie sollte es auch anders sein in der deutschen Linken — ja nun nicht. Der folgende Text erscheint mir noch der vernünftigste:
Genau 60 Jahre ist es nun her, dass die sowjetische Armee Berlin, die Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschlands, eroberte und die Führung der Wehrmacht zur bedingungslosen Kapitulation zwang. Sechs Jahre lang, von 1939 bis 1945, hatte es gedauert, bis die sowjetischen, britischen, US-amerikanischen und französischen Truppen unter Millionen Opfern die Barbarei, die von Deutschland seit 1933 ausgegangen war, bezwungen hatten. Menschen aus dutzenden Ländern brachten dafür Opfer: Als SoldatInnen, PartisanInnen, WiderstandskämpferInnen und in vielen weiteren Funktionen.
Der Sieg über Nazideutschland bedeutete das Ende des millionenfachen Massenmords an jüdischen Menschen, Roma und Sinti sowie zahlreichen anderen verfolgten Gruppen. Diese Verbrechen, insbesondere die industrielle Vernichtung der jüdischen Menschen Europas, konnten nicht anders als durch den Krieg und die Alliierten gestoppt werden: Weder die “abendländische Zivilisation” oder die humanistische und christliche Tradition, noch die Linken und ArbeiterInnenbewegungen hatten der Barbarei einer Mehrheit der Deutschen etwas Entscheidendes entgegenzusetzen. So entstand als Konsequenz des Nationalsozialismus auch der Staat Israel als Schutzraum für vom Antisemitismus verfolgte Menschen, mit der Fähigkeit zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung.
Die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung unterstützte den Nationalsozialismus (NS) bis zuletzt und nahm die Eroberung und Besetzung Deutschland durch die Truppen der Anti-Hitler-Koalition mitnichten als Befreiung, sondern als katastrophale Niederlage wahr. Freude und Erleichterung empfanden hingegen die Verfolgten und Feinde des Nazi-Regimes in den Konzentrationslagern und Gefängnissen, in den von der Wehrmacht besetzt gewesenen Ländern sowie im illegalen Widerstand. Bis heute prägt die Tatsache, dass die übergroße Mehrheit der historischen Deutschen aus Nazis bestand, trotz aller regierungsamtlichen Gedenkfeiern den Umgang dieser Gesellschaft mit ihrer Geschichte.
Es sind nicht nur die erstarkenden Neonazis, welche die Deutschen als unschuldige Opfer der Alliierten darstellen. Die Identifizierung mit den deutschen TäterInnen reicht bis weit ins sogenannte demokratische Lager. Etwa bis zur CDU in Berlin-Zehlendorf, welche jüngst den deutschen Toten gleichberechtigt mit den Opfern und GegnerInnen der Nazis gedenken wollte, und deren BVV-Verordneten die Worte entschlüpften, er könne doch auch nichts dafür, wenn er in manchen Fragen mit der NPD übereinstimme. Aber auch jene “DemokratInnen” die sich immer eilfertig von Neonazis distanzieren, möchten ungeheuer gern und viel über das Leid der Deutschen reden, das ihnen bei dem Versuch zugefügt wurde, ihrem mörderischen Treiben ein Ende zu setzen.
Eine Mehrheit der heutigen deutschen Gesellschaft berauscht sich an dem immer wieder spektakulär in den Medien aufbereiteten deutschen Leid des Kriegsendes und will einen Schlussstrich unter die doch immer noch — und nicht nur in Gestalt der Neonazis — gegenwärtige Vergangenheit ziehen. Am cleversten stellen sich dabei gerade diejenigen berufsmäßigen VertreterInnen Deutschlands an, die am lautesten ihren Abscheu vor alten und neuen Nazis und ihren Verbrechen bekunden. Bei ihnen wird aus der Distanzierung von der eigenen Vergangenheit ein wirksames Argument, um erneut eine politisch, wirtschaftlich und militärisch mächtigere Rolle Deutschlands in der Welt einzufordern: Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz seien die angeblich geläuterten Deutschen berufen, sich überall in der Welt einzumischen — selbstverständlich vollkommen uneigennützig (deutsche Großmachtambitionen wurden nämlich immer mit höherer Moral begründet, während man den Eigennutz beständig nur bei den Rivalen, vorzugsweise den USA und Großbritannien,
vermutete).Diese Art Selbstlosigkeit führt die deutsche Außenpolitik immer wieder in mehr oder weniger intensive Flirts mit den geschworenen Feinden Israels, der USA und jeglicher individueller Selbstbestimmung: Nationalistische russische und chinesische Machthaber, iranische Mullahs, libanesische Islamisten und palästinensische Terroristen.
(…)
Wir sind der Meinung, dass es etwas Besseres geben muss als die Nation, den Staat, den Kapitalismus und die gegenwärtige Ordnung der Geschlechterverhältnisse — etwas Besseres als Deutschland!
Quelle: 8.mai.tk


