Allahs unwillige Töchter
May 24, 2005Zum neuen Buch von Ayaan Hirsi Ali:
Allahs unwillige Töchter
Und wie mit ihnen umgegangen wirdvon Thea Dorn
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Aber es sind vielleicht gar nicht die Ermunterungen zum weiblichen Ungehorsam, die das muslimische Blut am stärksten in Wallung bringen: Viel härter trifft, daß Hirsi Ali mit lange gehegten Grundannahmen aufräumt. Etwa der, daß der Islam als solcher eine friedliche Religion sei und nur von einigen fehlgeleiteten Fundamentalisten mißbraucht würde. Hirsi Ali hält den gesamten Islam in seiner heute real existierenden Form für unaufgeklärt, reaktionär, gekennzeichnet durch mangelnde Bereitschaft zur Selbstreflexion. Und sie bezweifelt, daß es hilfreich ist, das hohe Aggressionspotential bei jungen Männern in muslimischen Vierteln nur damit zu erklären, daß die Mehrheitsgesellschaft ihnen keine Chance gegeben habe, sich zu integrieren.
Hirsi Ali macht drei tief im muslimischen Bewußtsein verwurzelte Mentalitätsmerkmale verantwortlich für den mangelnden sozio-ökonomischen Erfolg der Mehrheit der Muslime in westlichen Ländern: das streng autoritär-hierarchische Denken, die mangelnde Ausbildung eines individuellen Selbstbewußtseins und Verantwortungsgefühls und die Weigerung, Frauen als gleichberechtigte Menschen zu akzeptieren. Die Ungleichheit der Geschlechter im Islam ist Hirsi Alis Kernthema. Was es heißt, in einem muslimischen Land ein Mädchen zu sein, hat sie früh gelernt: Wenn ihre Oma, die neun Töchter und einen Sohn hatte, gefragt wurde, wie viele Kinder sie habe, antwortete sie: “Eins.” Außerdem hatte diese Oma einen Ziegenbock. Wenn abends die Nachbarn ihre Ziegen nach Hause trieben, kamen sie auch am Haus der Oma vorbei. Sobald der Bock die Ziegen witterte, rannte er los, um die erstbeste zu bespringen. Auf die Frage der Kinder: “Warum bindest du den Bock nicht fest, tut er den Ziegen nicht weh?” antwortete die Oma: “Wenn die Nachbarn etwas dagegen haben, daß mein Bock ihre Ziegen bespringt, sollen sie sie eben auf einem anderen Weg nach Hause führen.” Hirsi Ali erzählt diese Geschichte, um fortzufahren: “Im Islam wird der Mann als Ziegenbock beschrieben. Wenn er eine unverhüllte Frau sieht, bespringt er sie sofort.” — Und die Frau ist dann selbst schuld, sie hätte sich ja auch verhüllen können.
Daß solche Bemerkungen Hirsi Ali zu einer der bestgehaßten Frauen in der muslimischen Welt gemacht haben, ist nicht weiter verwunderlich — und beweist, wie recht sie mit ihrer Einschätzung des Islam hat. Verwunderlich nur, daß sich die “guten”, “aufgeklärten” Westeuropäer so schwer damit tun, dieser Frau den Rücken zu stärken.
Der häufigste Kommentar, wenn der Name Hirsi Ali fällt, lautet: “umstritten”. Beharrlich wird daran festgehalten, daß sie nach ihrem Austritt aus der niederländischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei jetzt Abgeordnete der “rechts-” oder “konservativ-” liberalen VVD sei. Neben all dem Entsetzen über die Ermordung Theo van Goghs war man sofort bereit, einzuräumen, daß die beiden mit ihrem Film die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt hätten. Am wenigstens überrascht von all diesen Reaktionen dürfte Ayaan Hirsi Ali selbst sein. “Westeuropäer und Muslime haben einen Teufelspakt geschlossen”, schreibt sie. Und: “Die wenigen aufgeklärten Muslime werden von den westlichen Kulturrelativisten behindert.” Da sie aber ihren Kampf für Menschenrechte, Aufklärung und Emanzipation ernst meint, kann sie es nicht bei einem Achselzucken belassen. “Laßt uns nicht im Stich — Gönnt uns einen Voltaire!” — so lautet die eindringliche Forderung in einem ihrer Essaytitel.
Darum noch einmal die Frage an uns, die “guten” Westeuropäer: Warum lassen wir Frauen wie Hirsi Ali im Stich? Warum gönnen wir den Muslimas und Muslimen keinen Voltaire — den sie mit Hirsi Ali möglicherweise bereits haben?
Da ist zum einen ihr Atheismus, der Hirsi Ali nicht nur bei denen verdächtig macht, die in Zeiten grassierender Papst-Hysterien gerade ihren zweiten katholisch-fundamentalistischen Frühling erleben, sondern auch bei den “gemäßigteren” Religiösen. Dann hat sie den Nachteil, eine Frau zu sein. Das macht sie uninteressant für jene, die den Kampf für Gleichberechtigung schon immer für “Gedöns” hielten und weiter glauben wollen, daß man Frauenversklaver Frauenversklaver sein lassen und sie dennoch zu “guten Demokraten” erziehen könnte.
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Liebe Geschlechtsgenossinnen, begrabt die gute alte Regel, daß jeder, der laut nach Freiheit und Menschenrechten ruft, in Wahrheit nur Interessen des mächtigen weißen Mannes vertreten will. Noch schlimmer: Daß jede Frau, die klar ihre Stimme erhebt, irgendwie verdächtig ist. Denn Klar-die-Stimme-Erheben, das machen doch bloß Männer. Offensichtlich halten sich nicht nur fromme Muslimas lieber bedeckt.
Im aktuellen “Spiegel” haben dieselben Redakteurinnen, die im vergangenen Herbst die Titelgeschichte “Allahs rechtlose Töchter” heraus brachten und damit zum ersten Mal eine breite Aufmerksamkeit für die Situation muslimischer Frauen in Deutschland schufen, nichts Besseres zu tun, als Hirsi Ali im Interview mit Bemerkungen zu belästigen wie: “Ihr Tschador besteht aus Bodyguards. War es das wert?” oder: “Nun klingen Sie selbst wie eine Märtyrerin. Die Terroristen vom 11. September waren auch bereit, für ihre Ideen zu sterben.”
Mädels, was soll das? Daß die Multi-Kulti-Funkenmariechen der Grünen und anderer Organe des Fortschritts für Hirsi Ali nicht Stellung beziehen, damit wird man bzw. frau leben müssen. Aber daß Frauen, die sonst einen klaren moralischen Kompaß besitzen, ausgerechnet bei dieser mutigen Kämpferin unter Beweis stellen müssen, wie ganz toll kritisch sie sein können, ist lächerlich, ärgerlich und, wenn es darum geht, wie das Projekt “Aufklärung des Islam von innen heraus” weitergehen soll, fatal.
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Der vollständige Artikel findet sich in der Welt vom 21. Mai 2005.
Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen.











