reality revisited

September 8, 2005

Zwei Wochen Urlaub waren einfach nicht genug. Sie können es — angesichts bestehender Realitäten — auch gar nicht sein. Nun muß ich mich dennoch damit abfinden, wieder in der deutschen Realität angekommen zu sein, und tat in den letzten Tagen deshalb alles, um mich so lange wie möglich selbiger zu entziehen:
ca. 5000 mp3-ID3-tags aktualisieren (andauernd …), stundenlang in der Sonne liegen und allesmögliche lesen — nur nicht studienrelevante Sachen, kinematographische Meisterwerke gucken (e.g.: Witness for the Prosecution).

Was mich dann heute doch wieder in die Wirklichkeit zurückwirft, ist folgende Veranstaltungsankündigung, die sich mit der Kritik der Verfilmung des ganz und gar nicht paradisischen palästinensischen Suizidkollektivs und seinen europäischen Apologeten beschäftigt:

»PARADISE NOW«

Das Selbstopfer als Erlösung: Zur modernen Dramaturgie des Judenmordes
Vortrag und Diskussion
Berlin, 8. September 2005, 19:30 Uhr, Hackesche Höfe, Kleiner Festsaal

Tobias Ebbrecht (Filmwissenschaftler an der Filmhochschule Potsdam)
Ralf Schroeder (Mitherausgeber von TYPOSKRIPT.NET)

* * *

[ PARADISE NOW ] Am 29. September 2005 startet »Paradise Now« in den deutschen Kinos. Auf den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen in Berlin wurde der Film des israelisch-arabischen Regisseurs Hany Abu-Assad gleich dreifach ausgezeichnet. Er erhielt den Preis für den besten europäischen Film, den Publikumspreis sowie den Amnesty International-Filmpreis. Die Prämierungen gelten Unfaßlichem: Dieser Film inszeniert Judenmord und Selbstopfer ohne jede Allegorisierung; sein Antisemitismus verbirgt sich nur schlecht hinter einem opportun erscheinenden Antizionismus.

Am Ende des Streifens sprengt sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter in einem israelischen Bus in die Luft. Seine jüdischen Opfer bleiben unsichtbar, die Tat erscheint als verzweifelter Widerstand gegen einen übermächtigen Feind. Dem kunstsinnigen Publikum wird Verständnis und Einfühlung ermöglicht: Erst zünden anti-israelische Monologe wie Sprengsätze, dann kommt es zum Suicide Attack als moralisch legitimiertem Erlösungsakt. Stehende Ovationen für den in Szene gesetzten Judenmord beendeten die Berlinale-Aufführung. Die Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die den deutschen Verleih des Filmes fördert, konnte sich zufrieden zeigen. Inzwischen besorgt Deutschlands Schicksalsexperte Bernd Eichinger mit seiner Firma »Constantin-Film« den Vertrieb des Judenmörderdramas.

[ DIE CINEASTISCHE SUCHE NACH ERLÖSUNG ] Der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht (Filmhochschule Potsdam) erörtert in seinem Vortrag, warum nicht nur wegen des europaweiten Erfolges von Eichingers »Der Untergang« dieses kulturpolitische Engagement folgerichtig erscheint. Die eingeübte Täter-Opfer-Verkehrung wird distanzlos als pseudodokumentarisches Fernsehspiel inszeniert. Das mythologische Motiv konstruiert die deutsch-palästinensische Koprojektion: Wo Schicksal herrscht, ist jeder fraglos Opfer des sich ereignenden Dramas, jede individuelle Entscheidung wird zum bloßen Nachvollzug des Schicksals. Das Selbstopfer wird dabei zur Befreiung, der behauptete Kampf »gegen Krieg und Gewaltherrschaft« wendet sich schließlich als »Moral War« gegen Israel.

[ VOM MYTHOS DES SELBSTOPFERS ] Der Publizist Ralf Schroeder (TYPOSKRIPT.NET) geht der Frage nach, warum sich gerade der Kunstsinn so nah der Barbarei verorten kann. Im Rekurs auf »Der Fliegende Holländer« wird dem Mythos des Selbstopfers und der Todessehnsucht nachgespürt. Was Heinrich Heine gerade zur Satire reichte, wurde von Richard Wagner im Wortsinne todernst genommen. Die nihilistische Tat ist dabei ein fortwährender Topos insbesondere der deutschen Kulturgeschichte, sie ist uns nicht fremd, und wird sie politisch mit Sinn aufgeladen, verspricht der antisemitische Suicide Attack nicht weniger als ein Paradise Now. Der Kulturkampf zwischen Wagner und Heine, zwischen opferwahnsinnigem Mythos, der im Tode die Erlösung wähnt, und der erbitterten Kritik, die doch für die Sinnlichkeit des Lebens streitet, tobt noch immer.

Weite Informationen: redaktion@typoskript.net

Quelle: Die Jüdische

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