November 5, 2005
Es war vor so ungefähr vor 10 Jahren. Wir gingen spazieren. Eines dieser Familientreffen, an denen fast die gesamte Familie teilnimmt. Ostern vielleicht, oder ein Geburtstag. Ich weiß es nicht mehr. Der obligatorische Spaziergang durchs Dorf.
Wir kamen am Grundstück einer “alteingessenen” Familie vorbei. Darauf, abgesperrt durch einen hohen Zaun, ein Gedenkstein. Gewidmet war bzw. ist er den Familienvorfahren und deren Ländereien, die nach 1945 durch die DDR enteignet und in Volkseigentum überführt woren waren. Mein Opa sagte zu mir, daß er als Junge für diesen Bauern (ein Großgrundbesitzer, wie mein Opa es so schön klassisch formulierte) arbeiten mußte. Daß er kaum was verdient hat, manchmal nur ne Stulle am Tag bekam. Daß er sich freute, als die Familie enteignet wurde. Und daß er sich ärgert, daß heute, da die Familie das Ackerland wieder ihr eigen nennt, diese Familie die “Ungerechtigkeit” anklagt und mittels des besagten Gedenksteines diese meint anprangern zu müssen.
“Wie wäre es denn mit ein wenig Farbe auf dem Ding?”, meinte ich zu ihm, mehr im Scherz als wirklich ernstgemeint. “Das würde denen ganz recht geschehen”, erwiderte er. Nicht minder belustigt. Aber auch nicht ohne Ärger in seinen Worten.
Der Spaziergang ging weiter, so wie es noch viele weitere danach geben sollte. Einen Farbbeutelwurf aber gab es nie. Und bis heute hatte ich auch nie wieder an diese Geschichte gedacht. Bis heute. Heute ist mein Opa gestorben. Ich werde ihn vermissen.


